Die falsche Waage
Der Stein wog einhundertachtundvierzig Gramm. Ilva nahm ihn von der Waage, strich mit seiner Unterseite über die regennasse Tischplatte und legte ihn wieder hin. Zweiundneunzig.
Der Mann am Schlagbaum tat, als hätte er es nicht bemerkt, und sortierte ihre Ausweise, obwohl es nur zwei Blätter waren: die Reiseerlaubnis und der Brief des Nachlassamtes. Hinter ihm hing eine Tafel mit den zulässigen Lasten für die obere Brücke. Jemand hatte die Zahl für Handkarren überstrichen und darunter eine kleinere geschrieben.
«Die Waage steht schief», sagte er.
Ilva sah auf die Libelle, deren Luftblase genau zwischen den beiden Strichen sass.
«Das tut sie nicht.»
Er reichte ihr die Papiere. «Dann der Tisch.»
Sie hätte ihm erklären können, dass eine Balkenwaage davon unbeeindruckt blieb. Stattdessen hob sie ihr Gepäck auf. Seit einundzwanzig Jahren verdiente sie ihr Geld damit, anderen Leuten zu sagen, wenn etwas nicht hielt. Zu Hause hatte sie damit früh aufgehört.
Rauk lag unter ihr, in die beiden Flanken einer Schlucht gebaut, mit hellen Häusern vor dunklen Felswänden und Brücken wie losen Stichen in einem schlecht verheilten Schnitt. Das grosse natürliche Basalttor war durch den Regen kaum zu erkennen. Von irgendwoher kam das Hämmern eines Kupferschmieds: fünf Schläge, eine Pause, wieder fünf. Das Geräusch war dasselbe geblieben, doch Ilva wusste nicht, ob sie das tröstlich fand.
Sie war am Montagvormittag angekommen und wollte am Donnerstag die Nachlasspapiere ihrer Mutter unterschrieben haben. Am Freitag würde die Passstrasse vielleicht schon schliessen, denn in den Wetterstationen oberhalb des Kessels hatte man den ersten harten Frost angekündigt.
Auf der Brücke blieb sie unwillkürlich stehen, weil die Bohlen unter ihren Sohlen zu wenig nachgaben. Einhundertzwanzig Schritte hatte diese Brücke früher gehabt, wenn sie mit ihrer Mutter zum Waaghaus gegangen war; mit Tamo waren es achtzig gewesen, weil er über jede zweite Fuge sprang. Sie zwang sich, nicht zu zählen.
Ein Kind schob einen Kohlenkarren an ihr vorbei, dessen Rad halb auf der untersten Querlatte stand. Ilva griff nach dem Rand des Karrens, zog ihn zur Mitte und spürte fast keinen Widerstand.
«Danke», sagte das Kind. «Er ist heute besonders leicht.»
Unter der westlichen Verankerung lag ein Stück blauschwarzes Tragglas, über dessen Rillen Regenwasser rann. Von dort führten dünne mineralische Fäden in den Fels, milchig und glänzend wie Wurzeln, denen man die Erde genommen hatte. Ilva kannte Tragglas aus Lehrbüchern und kleinen Anlagen: Es entlastete ein Fundament, indem es die Last an einen anderen Ort weitergab. Rauk lebte seit Jahrzehnten davon. Ein geschlossener Kreislauf, sagten die Schilder am Gildehaus.
Der Kohlenkarren rollte so leise weiter, dass sie die Frau hinter sich erst hörte, als diese ihren Namen aussprach.
«Du hast Ennas Strähne.»
Die Bäckerin war kleiner geworden, oder Ilva hatte sie grösser in Erinnerung behalten.
«Sie ist erst vor zwei Jahren weiss geworden.» Ilva strich über die helle Strähne an ihrer rechten Schläfe.
«Dann hat sie lange gebraucht.»
Die Bäckerin sagte nichts über die Beerdigung, zu der Ilva damals nicht gekommen war. Der Brief war erst nach einer Reise durch drei Bezirksämter bei ihr eingetroffen; das erklärte die Verspätung, aber nicht die Erleichterung, die sie beim Lesen empfunden hatte. Für diese Erleichterung schämte sie sich mehr als für alles andere.
Die Frau drückte ihr ein noch warmes Brot in die Hand.
«Deine Mutter hat bis zuletzt den Ofen zu heiss gemacht. Wenn es wieder aus dem Ofen raucht, lass ihn prüfen.»
Das war eine Güte, die Ilva annehmen konnte. Sie bezahlte das Brot. Die Bäckerin nahm das Geld ebenfalls aus Güte.
An der Werkstatt auf der dritten Terrasse waren zwei Fenster mit Brettern vernagelt. Im Türrahmen steckte noch der schmale Messingstreifen, an dem Enna die Grösse ihrer Kinder markiert hatte. Die oberste Kerbe gehörte Tamo, der sich damals auf Zehenspitzen gestellt hatte. Die Mutter hatte den Betrug feierlich amtlich gemacht.
Ilva schloss auf.
Es roch nach erkalteter Asche, Leim und dem Öl, mit dem ihre Mutter die Werkzeuge eingerieben hatte. Auf der Werkbank lag ein Paar Handschuhe, die Daumen nach innen geklappt. Bei diesem Anblick zog sich Ilva die Kehle zu, was am Grab ihrer Mutter, das sie auf dem Weg hierher besucht hatte, nicht geschehen war. Tote liessen Dinge so liegen, als würden sie gleich zurückkommen.
Sie öffnete die Fensterläden, und das Licht fiel auf Schubladen, Holzspäne und eine Schüssel mit drei vertrockneten Birnen. Auf der Schüssel lag ein versiegelter Umschlag.
Der Umschlag war nicht an sie adressiert, sondern trug nur einen Satz in der eckigen Schrift ihrer Mutter:
Prüfe zuerst das Gewicht. Dann die Erklärung.
Ilva legte den Umschlag zurück.
Sie wollte die Werkstatt verkaufen, den Dachschaden begutachten, die offenen Rechnungen bezahlen und wieder fahren. Es wäre vernünftig gewesen, mit der Liste des Nachlassamtes anzufangen.
Stattdessen holte sie ihre Reisewaage aus dem Koffer.
Der mitgebrachte Stein wog trocken einhundertachtundvierzig Gramm. Ilva glich das Gewicht einer mit Regenwasser gefüllten Untertasse auf der Waage aus, dann legte sie den Stein hinein. Sie brauchte nur zweiundneunzig Gramm, um den Balken wieder auszugleichen.
Unter der Wand knirschte etwas.
Ilva hob den Kopf. Zwischen Sockelleiste und Boden quoll ein feuchter weisser Faden hervor und berührte die Untertasse.
Im selben Augenblick bekam sie das Gefühl, dass unter ihren Füssen jemand eine sehr grosse Last zurechtrückte.








